Sitzen in Berlin

Das Bezirksamt behauptet, dass sie nach 20 Jahren kostenlosen geduldeten Sitzens nun zur Räumung der mit wechselndem Sperrmüll bestückten Sitzecke (denn es wird ja auch immer mal wieder was geklaut oder kaputt gemacht) aufgefordert haben, weil sich jemand darüber beschwert habe, der sich gestört fühlt. Das ist schwer vorstellbar, denn die einzige sich möglicherweise tagsüber von den Gesprächen der tagsüber Sitzenden  betroffen fühlende Nachbarin wohnt nicht hier und hält sich auch  nur wenige Stunden in der Woche hier auf. Abgesehen davon gehört sie zu der Sorte Nörgler, die sich über alles aufregt, was um sie herum stattfindet. (Sie klopft z.B. auch bei mir und beschwert sich darüber, dass meine Gäste und ich beim gemeinsamen Essen innerhalb von meiner Wohnung  zu laut reden…) Es muss doch möglich und legitim sein, sich tagsüber auf dem Gehweg zu unterhalten, zu rauchen, zu essen und Sachen auszutauschen… Und zwar egal ob stehend oder sitzend. Ich möchte ab und an sitzen, da ich ungeachtet meiner 71 Jahre  die meiste Zeit in Bewegung bin und körperliche Arbeit tue. Ich bin der Meinung, dass Leute, die parterre zur Straße raus in einem WOHNhaus (und eben nicht in einem Geschäftshaus) wohnen oder arbeiten wollen, zwangsläufig ein wenig vom Leben auf der Straße mitbekommen. Das können Motorgeräusche sein, Kindergeschrei, freilaufende Katzen, Hundegebell, offenbar unvermeidbare Hundescheißhaufen vor ihrem Fenster und eben Gespräche der Mitglieder einer Nachbarschaft. Der Gesetzgeber sollte unzufriedenen bedienungsbedürftigen Nörglern nicht ermöglichen, jede Lebensäußerung um sie herum als vorschriftswidrig erklären zu  können mit dem Ziel der Verhinderung von normalem, mitmenschlichem, lebendigem Austausch und Kontakt im Kiez. Genau dazu verhilft aber das OA dieser Art von kontaktgestörten Leuten (in diesem Fall nun auch wieder), die meinen, dass sich die ganze Welt nach ihnen richten muss. Das haben wir in über  20jähriger Tierschutzarbeit nach dem Mauerfall in ganz Berlin immer wieder erlebt. Der bedienungsbedürftige, ansprüchliche Nörgler bekommt in seinem oft wahnhaften Gefühl des Beeinträchtigtseins hierzulande immer Recht, wenn er Bedienung, Ruhe und Ordnung und Unterordnung fordert – und die Obrigkeit verhilft ihm dazu, auch wenn es gegen jeden vernünftigen Sinn und das legitime Interesse aller anderen Betroffenen ist. Wir sind aber eben noch kein Leichenhaus, zum Glück. Was kann der Gesetzgeber dagegen haben, wenn in Berlin alte Leute vor ihrem Haus Kontakt pflegen und sich vor ihr Haustür SITZEND unterhalten können wollen? Und wie kann das OA die Interessen einer Nörglerin unterstützen  ohne sich selber ein Bild  von der Angemessenheit der Beschwerde zu machen. Das begreift hier kein normaler Mensch. Am wenigsten begreife ich selber ehrlich gesagt die lebensfeindliche Strategie, die hinter diesem Vorgehen der Behörde steht und die von allen Betroffenen nur als unverständlich bis abartig erlebt wird.

Pikanterweise verhält es sich in unserem Fall auch noch so, dass die einzige Gewerbe treibende in diesem Haus sich davon gestört fühlt, dass wir hier wohnende normale Geräusche machen, die eben Zeugnis ablegen davon, dass hier noch gelebt, gewohnt und kontaktet wird. Es hat ein Geschmäckle, wenn Gewerbe zu Unrecht gegen privates Wohlergeben ohne finanzielle Absichten oder Interessen verhindert wird.

Sehr laute, oft wirklich unerträgliche Geräusche macht der Kindergarten hinterm Haus  in der Roscherstrasse. Im Garten hinterm Haus können wir tagsüber nicht sitzen, denn da platzt einem fast das Trommelfell. Aber der darf das ja, sagt der Gesetzgeber, auch wenn die Kinder sich selber schädigen mit dem Krach, den sie machen – und sich ihm ja auch nicht entziehen können. Wir konnten uns bisher entziehen indem wir Altberliner Anwohner uns hier – neben einer leisen KiTa von nebenan –  im Sommer auf dem Gehweg sitzend miteinander unterhalten haben. Es wäre wirklich schön, wenn die Behörden sich vor dem Durchsetzen von Verordnungen ein Bild von der Gesamtsituation machen und sinnvoll mit Entscheidungsspielräumen umgehen würden. Statt gutem, sozialem interkulturellem Miteinander im Kiez haben wir jetzt wieder Hundescheiße vor der Haustür. Na toll.

Ich bin gespannt auf den Erfahrungsaustausch mit www.instergram.com/benchingberlin  

Denn wer in ganz Berlin Sitzgelegenheiten verteilen möchte, hat sich ja sicher dabei etwas gedacht, hat wahrscheinlich auch eine Vision. Und begeht ja vermutlich Ordnungswidrigkeiten, wenn er tut was er sagt. Auch wenn es  sinnvoll es ist, dass Menschen draußen sitzend miteinander sprechen. Wir sollen auf öffentlichen Bänken sitzen, sagt das OA. Nein danke, das möchten wir nicht. Zum einen stehen sie nicht vor unserem Haus. Zum anderen sind sie meistens besetzt; manchmal auch von Leuten, mit denen wir nichts zu tun haben wollen.

„Café Miez“, die 20 Jahre alte Sitzecke vor unserem Haus, ist nun weg.

Sitzecke vor unserem Haus

Die Anwohner sind sauer, denn sie können nun nicht mehr vor dem Haus sitzen und lesen, schnacken, rauchen, essen, Café oder Selters trinken, sich unterhalten, Kiezneuigkeiten austauschen, Sachen tauschen. Das ordnungsamt hat sie nach 20jähriger Duldung moniert und entfernen lassen. Dieses Begegnungsstätte fehlt  nun sehr. Der Anwalt sagt, es gibt keine Chance auf Erhalt einer „Sitzecke“, wenn das OA diese für störend hält.  Das OA braucht sich daran nicht zu stören, denn wenn durch das öffentliche Sitzen an dieser Stelle jemand gestört würde, dann wären wir es selber, denn WIR leben und direkt schlafen hinter und über dieser Sitzecke… und deshalb nachts auch schon mal Sitzer bitten müssen, woanders hin zu gehen.

This entry was posted in Neuigkeiten. Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.