1. Schilddrüsenüberfunktion bei Katzen

SDÜ: Erfahrungen mit der Behandlung (2015)

Da wir in Berlin ständig so etwa 350 Katzen betreuen, haben wir einige Erfahrung mit häufig vorkommenden Erkrankungen. Eine davon heisst Schilddrüsenüberfunktion, abgekürzt liest man sie im Netz häufig als „SDÜ“. Der Schilddrüsenüberfunktion liegt zumeist eine Umfangsvermehrung des Schilddrüsengewebes zugrunde, also ein Tumor, der nicht unbedingt bösartig sein muss. Meist ist nur eine Hälfte der Schilddrüse befallen. Wenn der Tumor sehr klein ist, kann man schlecht herausfinden, wo er liegt. Die Größe des Tumors steht nicht unbedingt in einem Verhältnis zur Stärke der Dysfunktion.

Den Tumor chirurgisch zu entfernen ist nicht einfach, da in diesem Bereich sehr viele wichtige Nerven an der Schilddrüse vorbei und damit evtl. auch durch das tumoröse Gewebe laufen. D.h., die Entfernung des Tumors bewirkt im schlechten Fall die Durchtrennung wesentlicher Nerven. Meist ist es auch so, dass ein größerer Tumor die Nebenschilddrüse involviert, die für die Einlagerung von Calcium im Knochen zuständig ist. Ihr Entfernung würde also zu schwerwiegenden Erkrankungen führen… und ist überhaupt nur dann angesagt, wenn nur eine Hälfte der Schilddrüse eine Umfangsvermehrung hat.

Eine Behandlung mit Radiojodtherapie wird von vielen Kliniken nur bei jüngeren Katzen und in dem Fall gemacht, dass der Tumor zu klein ist um seine Lage orten zu können.  Die Radiojodtherapie ist eine Behandlung mit Atomstrahlen. Die Katze muss dazu für etwa zwei Wochen in eine strahlensichere Kammer und danach noch einmal für etwa drei bis vier Wochen in einen Quarantäneraum bis sie die zulässigen Werte wieder erreicht hat. 4 – 6 Wochen allein in einem gefliesten, leeren fremden Raum zubringen zu müssen, das ist ganz sicher Stress für jedes Tier, ganz sicher aber für eine verschmuste, an Menschen gewöhnte Hauskatze.

Woran erkennt man SDÜ? Die Schilddrüsenüberfunktion sorgt bei der Katze wie beim Menschen für eine Beschleunigung des Stoffwechsels. Die Katzen wirken nervöser, in schweren Fällen aber auch apathischer als vorher. Manche Tiere werden unter dem Einfluss der Erkrankung aggressiv und hauen ihre Partner, andere verkriechen sich. Der besorgte Katzenhalter geht zum Tierarzt.

Der Tierarzt entnimmt Blut und schickt es ins Labor (Kosten dafür variieren zwischen 13.- und 70.- Euro – von Arzt zu Arzt verschieden). Bestimmt werden die Werte T4 und FT4. Jeder Wert oberhalb der oberen Toleranzgrenze sagt an, dass die Katze SDÜ hat.

Die Behandlung erscheint einfach, sie ist es aber nicht. Behandelt werden kann mit Tabletten: Carbimazol oder Thiamazol / Felimazol sind die gängigsten und preiswerten Medikamente (100 Tabletten kosten ungefährt 15 – 20 €). Man beginnt mit der geringsten Dosierung. Davon muss die Katze morgens und abends eine halbe bekommen. Die meisten Katzen vertragen diese Tabletten gut (zwei von unseren dreien leider nicht). Dann wird nach einigen Wochen genau 5 Stunden nach der Tabletteneingabe wieder Blut entnommen um zu überprüfen, ob die Dosierung zur Rückkehr der Werte in den Normbereich geführt hat.  Wir empfehlen die Tablette bei der Gabe in etwas zu stecken, das die Katze von sich aus gern frisst: Leberwurst, Edelstiks, Salami, rohes Biorindergulasch (von Netto) o.ä.  Da diese Tabletten ihren Wirkungshöhepunkt erst nach 5 Stunden erreichen und da die Wirkung nach 10 Stunden bereits wieder ganz verflogen ist, sollte man die Dosis 2 x täglich relativ regelmaessig im Abstand von   12 Stunden verabreichen. Das ist nötig bei schwerer SDÜ, wir haben es bei unseren Katzen durch Blutuntersuchung überprüft. In leichten Fällen von SDÜ reicht möglicherweise eine einmalige Eingabe, die dafür sorgt, dass die Katze wenigsten ein paar Stunden am Tag zur Ruhe kommt.

Wenn der Katze die Tablette nicht bekommt oder wenn sie sie kurz nach dem Verzehr wieder von sich gibt, besteht die Möglichkeit, das Medikament mit Hilfe einer Salbe in die Katze zu bringen, die man ihr innen ins Ohr schmiert. Thiamazolsalbe kann man inzwischen bei einigen Berliner Tierärzten erhalten – oder auch über den Tierarzt von der herstellenden Römer-Apotheke in Herrenberg (Süddeutschland) beziehen. Ein Container mit 40 ml kostet dort etwa  35 €.

Katze mit SDÜ und NierenversagenEine normale Dosis beträgt 0,05 ml. Das macht bei 2 Gaben täglich 0,1 ml pro Tag. 0,1 ml Thiamazolsalbe entspricht einer Tablette von 5 mg Carbimazol / Thiamazol.  Ein Container mit 40 ml ergibt etwa 800 Dosierungen, also die ausreichende Menge für 400 Tage… wenn man in der Lage ist, die Salbe in die richtigen Spritzen mit den richtigen Masseinheiten darauf zu bringen ohne dabei die Haelfte zu verlieren. (Wir empfehlen, die Salbe, die ohnehin im Kühlschrank gelagert werden soll,  in ein ausgewaschenes, ehemaliges Marmeladenglas umzufüllen und von dort aus in die Spritzen für den aktuellen Bedarf aufzuziehen, die NICHT im Kühlschrank liegen sollten, da die Salbe dort zu sehr eindickt.)

Die Verabreichung der Salbe ins Ohr ist bei den meisten Katzen die einfachere Anwendung. Problematisch ist dabei aber, dass es bislang keine Spritzen auf dem Markt gibt, deren Hohlraum so fein und Skalierung so groß ist, dass man diese sehr kleine Menge von 0,05 ml Salbe auf zehntel Bruchteile genau  mühelos genau dosieren kann. Und das ist nötig zur guten Einstellung des Medikaments auf den jeweiligen Bedarf des betreffenden Katzenindividuums.

Wir haben alle diese Angaben im „Tierversuch“ mit eigenen Tieren überprüft und glauben deshalb nichts anderes, was uns egal welcher Fachmensch darüber beizubringen versucht.

Problematisch bei der Behandlung dieser chronischen Erkrankung (es gibt aber auch Remissionen, z.B. wenn die Ursache für die SDÜ ein entzündlicher Vorgang ist) ist, dass die Schilddrüsenwerte erheblich schwanken, auch unter der Behandlung. Und man kann ja das Tier nicht dauernd zum Tierarzt schleppen, um per Blutkontrolle die aktuelle richtige Einstellung ueberprüfen zu lassen, wenn der Wert sich ein paar Tage später schon wieder verändert. Man bleibt als bei einer konstanten Dosierung bis man merkt, dass irgend etwas mit der Katze gar nicht stimmt, also bis sie z. B. aufhört zu fressen (= zu viel Medikament) oder beschleunigten Herzschlag und Atmung hat oder anfängt zu zittern oder zu hauen (= zu wenig Thiamazol).

Wir empfehlen auch bei dem Fehlen von Symptomen die Überprüfung der Schilddrüsenwerte im Abstand von etwa 3 Monaten durch den Tierarzt. Und zwar sowohl so, wie es vorgeschrieben ist, d.h. das Blut muss genau 5 Stunden nach der Medikamentengabe entnommen werden  – und später dann dann vielleicht auch einmal etwa 10 Stunden nach der Medikamentengabe, damit man Vergleichswerte und genauere Kennntnisse über den Behandlungsbedarf des Tieres hat.

Vermieden werden sollte auf jeden Fall die Erzeugung einer SchilddrüsenUNTERFUNKTION mit Hilfe des Medikaments, denn die sorgt dafür, dass alle Organe untertourig arbeiten, wodurch (z.B. im Fall von Leber und Nieren) die Katze in kurzer Zeit vergiftet.  Das erkennt man am besten daran, dass die Katze 5 – 10 Std nach Tabletteneingabe ihren  gesamten Darminhalt von sich gibt, der Anfang ist meistens ok und der später abgesetzte Kot wird immer stinkender und dünner. Manchmal erbricht die Katze außerdem noch alles, was sie zuvor gefressen hat. Dann stellt sie die Nahrungsaufnahme ein. Und dies so lange bis das Hormon nicht mehr im Körper ist. Das bedeutet, dass man bei Erbrechen und oder Durchfall sofort mit der weiteren Gabe von Schilddrüsenhormon aufhören muss. Und dann nach ein bis 2 Tagen Pause wieder mit erheblich geringerer (d.h. auch richtig berechneter!) Dosis von vorn anfangen muss.

RenaLu , 2015

 

 

 

Die Seite wurde zuletzt geändert am 15 Juni 2017.